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Vergleich: Scope-3-Emissionen managen – Herausforderungen & Tools für ESG-Investoren

Die effektive Messung und Reduktion von Scope-3-Emissionen ist für ESG-Investoren entscheidend, um Klimarisiken zu mindern und nachhaltige Portfolios aufzubauen.

Von Dr. Sabine Lindner6 Min. LesezeitFrankfurt, GERMANY
Komplexes Diagramm einer globalen Lieferkette mit Fokus auf indirekte Scope-3-Emissionen und Nachhaltigkeit.
Bizfino / AI-generated

Für ESG-Investoren stellt das Management von Scope-3-Emissionen eine der größten, aber auch wichtigsten Herausforderungen dar. Diese indirekten Emissionen, die nicht aus direkt kontrollierten Quellen stammen, sondern in der gesamten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen – von der Rohstoffgewinnung über den Transport bis zur Nutzung und Entsorgung von Produkten –, machen oft den Löwenanteil des gesamten CO2-Fußabdrucks aus. Eine fundierte Bewertung und Reduktion dieser Emissionen ist entscheidend, um Klimarisiken in Portfolios effektiv zu managen, aufkommenden Regularien wie der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) gerecht zu werden und authentisch nachhaltige Anlagestrategien zu verfolgen.

Die Bedeutung von Scope-3-Emissionen wird durch Zahlen verdeutlicht: Nach Schätzungen des World Resources Institute (WRI) machen sie im Durchschnitt 70-90% der gesamten Treibhausgasemissionen (THG) eines Unternehmens aus. Dies unterstreicht, warum eine reine Fokussierung auf Scope 1 und 2 die wahren Klimarisiken und -chancen eines Investments verfehlen würde. Investoren müssen daher verstehen, wie Unternehmen diese Emissionen identifizieren, messen und reduzieren. Dieser Artikel vergleicht die Ansätze und Tools, die sowohl Unternehmen zur Bewältigung dieser komplexen Aufgabe nutzen als auch Investoren, um ihre Portfolios nachhaltiger zu gestalten.

Die Komplexität von Scope-3-Emissionen verstehen

Scope-3-Emissionen entstehen durch Aktivitäten, die ein Unternehmen indirekt beeinflusst, aber nicht direkt besitzt oder kontrolliert. Das Greenhouse Gas (GHG) Protocol, der am weitesten verbreitete internationale Standard für die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen, definiert 15 Kategorien für Scope-3-Emissionen. Diese reichen von eingekauften Gütern und Dienstleistungen über Geschäftsreisen und Pendelverkehr der Mitarbeiter bis hin zur Nutzung und Entsorgung von verkauften Produkten. Jede Kategorie erfordert eine spezifische Datenerfassung und Berechnungsmethodik, was die Aggregation und Vergleichbarkeit erschwert.

Abstrakte Darstellung von Datenflüssen und digitalen Netzwerken, die die Komplexität der Scope-3-Datenerfassung symbolisieren.
Die Erfassung von Scope-3-Emissionen erfordert die Integration von Daten aus einer Vielzahl von Quellen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.Bizfino / AI-generated

Die Herausforderung liegt primär in der Datenverfügbarkeit und -qualität. Unternehmen müssen Daten von Tausenden von Lieferanten, Logistikpartnern und Endverbrauchern sammeln, von denen viele möglicherweise keine eigenen Emissionsbilanzen führen. Dies erfordert oft indirekte Berechnungsmethoden, wie die Nutzung von branchenspezifischen Emissionsfaktoren oder Lebenszyklusanalysen (LCA), die mit Unsicherheiten behaftet sein können. Für Investoren bedeutet das, dass sie nicht nur die berichteten Zahlen, sondern auch die zugrundeliegende Methodik und Datenqualität kritisch hinterfragen müssen.

Ansätze zur Datenerfassung: Intern vs. Extern

Unternehmen wählen verschiedene Wege, um ihre Scope-3-Emissionen zu erfassen. Die Wahl hängt oft von der Größe des Unternehmens, der Komplexität der Lieferkette und dem Reifegrad ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ab. Investoren sollten diese Ansätze kennen, um die Glaubwürdigkeit der gemeldeten Daten bewerten zu können.

  • Eigene Datenerhebung:Große Konzerne wie die Deutsche Post DHL Group versuchen, direkte Emissionsdaten von ihren kritischsten Lieferanten zu sammeln und implementieren hierfür oft eigene Befragungssysteme oder fordern Audits an.
  • Branchen-Durchschnittswerte:Gerade kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) in der DACH-Region greifen auf generische Emissionsfaktoren zurück, die von Organisationen wie dem Umweltbundesamt oder dem Bundesumweltministerium bereitgestellt werden.
  • KI-gestützte Schätzungen:Neuere Ansätze nutzen Künstliche Intelligenz und Machine Learning, um basierend auf Ausgaben- und Aktivitätsdaten Scope-3-Emissionen zu schätzen und Transparenzlücken zu schließen.
  • Lieferanten-Plattformen:Plattformen wie EcoVadis oder CDP ermöglichen es Unternehmen, Nachhaltigkeitsdaten ihrer Lieferanten auf standardisierte Weise zu erfragen und zu bewerten, was die Datenaggregation vereinfacht.

Externe Lösungen und Beratungsunternehmen spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Spezialisierte Dienstleister wie Planetly (inzwischen von OneTrust übernommen) oder Carbon Cloud bieten Software-as-a-Service (SaaS)-Lösungen an, die Unternehmen dabei unterstützen, ihre Scope-3-Bilanzen zu erstellen, zu verwalten und zu optimieren. Laut einer Studie von PwC aus dem Jahr 2023 nutzen bereits über 40% der befragten deutschen Unternehmen externe Plattformen zur Erfassung ihrer Nachhaltigkeitsdaten.

Vergleich von Tools zum Scope-3-Management für Investoren

Investoren benötigen robuste Tools zur Bewertung der Scope-3-Performance von Unternehmen. Hierfür gibt es verschiedene Ansätze, von spezialisierten ESG-Datenanbietern bis hin zu integrierten Analyseplattformen, die teils auch direkte Informationen von den Unternehmen aggregieren.

Ansatz/ToolPrimärer FokusVorteile für InvestorenHerausforderungen/Grenzen
ESG-Rating-Agenturen (z.B. MSCI, Sustainalytics)Aggregierte ESG-Performance-Scores, meist basierend auf öffentlichen DatenBreite Unternehmensabdeckung, Benchmarking-Möglichkeiten, schnelle Portfolio-Analyse.Oft Black-Box-Methodologien, Limitierung auf öffentliche Daten, Verzögerung bei der Datenaktualisierung, mangelnde Detailtiefe bei Scope 3.
Spezialisierte Carbon Accounting Software (z.B. Sphera, Persefoni)Detaillierte Erfassung und Berechnung von THG-Emissionen (alle Scopes), oft direkt von Unternehmen genutztBietet tiefgehende, granulare Daten, hohe Transparenz bei der Methodik, Unterstützung bei Szenarioanalysen.Hohe Kosten, Datenzugriff oft nur auf Unternehmensebene, erfordert Know-how zur Interpretation und Validierung der Daten.
Lieferketten-Transparenzplattformen (z.B. EcoVadis, CDP)Standardisierte Lieferantenbewertung und Datenaggregation über PlattformErmöglicht Einblicke in die Lieferketten-Performance, fördert verbesserte Datenqualität durch Peer-Vergleich und Engagement.Abhängig von der Teilnahme der Lieferanten, Fokus auf Risikobewertung, nicht primär quantitative Emissionsdaten.
Brancheninitiativen & Benchmarks (z.B. Science Based Targets initiative (SBTi))Zielsetzung und Validierung von Emissionsreduktionszielen, auch für Scope 3Indikator für Ambition und Ernsthaftigkeit, vergleichen von Zielen branchenübergreifend.Fokus auf Ziele, nicht auf aktueller Performance; benötigt weitere Daten zur tatsächlichen Umsetzung.
Eigene Due Diligence & EngagementDirekter Dialog mit Unternehmen zur Datenerhebung und StrategiebewertungTiefstes Verständnis der Unternehmensstrategie, maßgeschneiderte Analysen, Einflussnahme auf Unternehmen.Sehr zeit- und ressourcenintensiv, nur für begrenzte Anzahl von Investments anwendbar, erfordert spezielle Expertise.
Vergleich von Ansätzen und Tools zur Bewertung von Scope-3-Emissionen für Investoren

Die Zukunft der nachhaltigen Investitionen liegt nicht allein in den direkten Emissionen von Unternehmen, sondern in ihrer Fähigkeit, die gesamte Wertschöpfungskette zu transformieren. Scope 3 ist dabei der entscheidende Hebel.

Dr. Florian Schmidt, Leiter ESG Investments bei der DWS

Herausforderungen für Investoren bei der Bewertung von Scope-3-Daten

Trotz der wachsenden Verfügbarkeit von Daten und Tools stehen Investoren vor konkreten Herausforderungen beim Einbezug von Scope-3-Emissionen in ihre Anlageentscheidungen.

  • Datenkonsistenz und -qualität:Unterschiedliche Berechnungsmethoden und Schätzungen zwischen Unternehmen erschweren den direkten Vergleich und die Aggregation auf Portfolioebene.
  • Granularität der Daten:Oft fehlen detaillierte Aufschlüsselungen nach Scope-3-Kategorien, was die Identifikation von Hotspots und die Ableitung konkreter Minderungsstrategien erschwert.
  • Berichtsverzögerungen:Nachhaltigkeitsberichte erscheinen oft mit erheblicher Verzögerung, was bedeutet, dass Investoren stets mit veralteten Daten arbeiten.
  • Regulierungsunsicherheit:Obwohl die CSRD die Berichterstattung über Scope-3-Emissionen vorschreibt, sind die genauen Prüfungsstandards und Sanktionen noch in Entwicklung, was Unsicherheit schafft.
Investor untersucht Finanzdiagramm mit Lupe, betont die Herausforderungen bei der Analyse von ESG-Daten und Umweltindikatoren.
Die Analyse von Scope-3-Daten erfordert von Investoren zunehmend tiefgehende Kenntnisse und eine kritische Herangehensweise zur Bewertung der zugrundeliegenden Methodik.Bizfino / AI-generated

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Investor, der in den Automobilsektor investiert, muss die Scope-3-Emissionen der Fahrzeughersteller berücksichtigen, die hauptsächlich aus der Nutzung der verkauften Fahrzeuge stammen. Wenn ein Hersteller jedoch nur einen groben Schätzwert für die Emissionskategorie 'Nutzung von verkauften Produkten' angibt, ist es für den Investor schwierig, die Effektivität von Investitionen in Elektrofahrzeuge gegenüber Verbrennern im Portfoliokontext präzise zu bewerten oder Risiken durch verschärfte Emissionsvorschriften richtig einzuschätzen.

Die Rolle von Offenlegung und Benchmarking

Die Einhaltung von Berichtsstandards und die Teilnahme an Initiativen wie CDP sind Indikatoren für die Ernsthaftigkeit eines Unternehmens, seine Scope-3-Emissionen zu managen. Investoren sollten überprüfen, ob Unternehmen im Einklang mit dem GHG Protocol berichten und ob ihre Daten einer externen Prüfung unterzogen wurden. Gemäß einer aktuellen Studie des CDP (2023) werden in Deutschland von den berichtenden Unternehmen nur etwa 60% der Scope-3-Emissionen extern verifiziert.

Anteil verifizierter Scope-3-Emissionen in der DACH-Region (2023)

Benchmarking hilft Investoren auch, die Leistung eines Unternehmens im Vergleich zu Branchenkollegen zu bewerten. Unternehmen, die proaktiv ihre Scope-3-Emissionen managen und reduzieren, oft durch Innovationen in der Lieferkette oder die Umstellung auf nachhaltigere Materialien, zeigen möglicherweise höhere Resilienz gegenüber zukünftigen Klimarisiken und können auch operative Vorteile erzielen. Dies ist besonders relevant für Branchen mit intensiven Lieferketten wie die Fertigungsindustrie oder den Konsumgütersektor.

Fazit: Ein strategischer Imperativ

Das Management von Scope-3-Emissionen ist kein optionales Zusatzthema mehr, sondern ein strategischer Imperativ für Unternehmen und somit auch ein kritischer Faktor für ESG-Investoren. Die Komplexität der Datenerfassung erfordert den Einsatz spezialisierter Tools und die Bereitschaft, mit der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten. Für Investoren gilt es, eine kritische Haltung zu bewahren, die Qualität der Daten zu hinterfragen und die Ambition der Unternehmen bei der Reduktion dieser Emissionen zu bewerten. Nur so können Portfolios langfristig gegen Klimarisiken abgesichert und glaubwürdig nachhaltige Anlageentscheidungen getroffen werden.

Häufig gestellte Fragen

Was sind die größten Herausforderungen bei der Erfassung von Scope-3-Emissionen?

Die größten Herausforderungen sind die Sicherung der Datenverfügbarkeit und -qualität von externen Partnern entlang der Wertschöpfungskette. Da Unternehmen oft keine direkte Kontrolle über diese Quellen haben, müssen sie auf Schätzungen oder die Kooperation von tausenden Lieferanten und Dritten angewiesen sein, was die Konsistenz und Genauigkeit der Daten stark beeinträchtigt.

Welche Rolle spielen Lieferketten-Transparenzplattformen für Investoren?

Lieferketten-Transparenzplattformen ermöglichen Investoren, Einblicke in die Nachhaltigkeitsleistung der Lieferanten von Portfoliounternehmen zu gewinnen. Sie helfen, Risikobereiche in der Lieferkette zu identifizieren und die Ernsthaftigkeit des Managements externer Emissionen zu beurteilen, auch wenn sie nicht immer detaillierte, quantitative Emissionsdaten liefern.

Wie können Investoren die Glaubwürdigkeit von Scope-3-Berichten bewerten?

Investoren sollten darauf achten, ob Unternehmen das GHG Protocol als Berichtsstandard nutzen, ob die Daten extern verifiziert werden und ob sie detailliert nach den 15 Kategorien aufgeschlüsselt sind. Ein Vergleich mit Branchen-Benchmarks und die Prüfung der Ziele, wie sie beispielsweise die SBTi setzt, geben weitere Anhaltspunkte für die Glaubwürdigkeit.

Welche Auswirkungen hat die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) auf Scope-3-Emissionen?

Die CSRD verpflichtet Unternehmen zur umfassenden Offenlegung ihrer gesamten Wertschöpfungskettenemissionen, einschließlich Scope 3. Dies wird die Datenverfügbarkeit und -qualität erheblich verbessern und Investoren eine verlässlichere Grundlage für die Bewertung von Klimarisiken und nachhaltigen Anlageentscheidungen bieten, da Berichte einer externen Prüfung unterliegen werden.

Sind Scope-3-Emissionen immer die größte Emissionskategorie?

In den meisten Unternehmen machen Scope-3-Emissionen den Großteil des gesamten CO2-Fußabdrucks aus, typischerweise zwischen 70% und 90%. Es gibt jedoch Ausnahmen, insbesondere in energieintensiven Industrien, wo Scope-1-Emissionen (direkte Emissionen aus eigenen Quellen) oder Scope-2-Emissionen (Emissionen aus eingekaufter Energie) dominant sein können.

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